Thyssen-Krupp kommt vom Edelstahl nicht los

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Ein Arbeiter in einem Thyssen-Werk in Duisburg Reuters

Quelle: The Wall Street Journal

Von JENNY BUSCHE
Freitag, 26. September 2014, 06:29 Uhr

Es ist ein Déjà-vu für Thyssen-Krupp Chef Heinrich Hiesinger: Schon zum zweiten Mal muss er einen Weg suchen, das ungeliebte Edelstahlgeschäft ohne zu viel Verlust aus den Büchern des Konzerns zu schaffen. Den Verkauf an den finnischen Metallkonzern Outokumpu hatte Thyssen-Krupp vor fast einem Jahr zum großen Teil rückabgewickelt. Nun zeigt sich, dass es keine schnelle Alternativlösung gibt – allen Spekulationen um einen angeblich laufenden Verkaufsprozess zum Trotz.

Die Lage der deutschen Edelstahlgesellschaft VDM und des Werks im italienischen Terni nämlich ist schlicht zu schlecht, um einen akzeptablen Preis zu erzielen: „Unsere Aufgabe ist es, beide Unternehmen profitabler zu machen”, gab Joachim Limberg, der Vorstandschef der zuständigen Thyssen-Krupp-Sparte Materials Services, nun zu. Und diese Formulierung beschönigt eigentlich noch die Lage. Die Gesellschaften erwirtschaften nicht einfach eine schlechte Rendite: Sie schreiben rote Zahlen. Von März bis Juni verursachten VDM und das AST genannte Werk in Terni gemeinsam einen Vorsteuerverlust von 16 Millionen Euro. Bei AST will Thyssen-Krupp die jährlichen Kosten deshalb nach eigenen Angaben um 100 Millionen Euro senken. Etwa jeder fünfte der 2.600 Arbeitsplätze soll gestrichen werden. Doch in Italien stößt der Konzern damit auf heftigen Widerstand. Selbst Papst Franziskus kritisierte Thyssen-Krupp für den Sparplan. Nun liegt das Vorhaben auf Eis: Noch bis zum 4. Oktober verhandelt Thyssen-Krupp mit Gewerkschafts- und Regierungsvertretern über das Sanierungsvorhaben. Erzielen sie keine gemeinsame Lösung, will der Konzern an seinem ursprünglichen Plan festhalten.

„VDM performt nicht gut”

Bei VDM in Deutschland sieht es nicht besser aus. Spartenchef Limberg sagte am Mittwoch: „VDM performt nicht gut.” Das Unternehmen ist ein Sanierungsfall ähnlich wie AST in Italien. Deshalb rechnet Warburg-Research-Analyst Björn Voss mit weiteren Belastungen für den Mutterkonzern.

Zwar planen die Konzernverantwortlichen noch immer mit dem Verkauf der beiden Unternehmen. Vorstandschef Hiesinger hat das am Mittwoch auf Nachfrage bekräftigt: “Wir haben immer gesagt, dass wir VDM und AST mittelfristig nicht halten wollen.” Allerdings habe Thyssen-Krupp noch keinen Verkaufsprozess gestartet, fügte Hiesinger hinzu. Das schließt nicht aus, dass der Konzern das Interesse möglicher Käufer erkundet hat. Die Aussagen von Hiesinger und Limberg aber machen klar: Thyssen-Krupp rechnet im Moment nicht damit, die beiden Töchter zu akzeptablen Preisen abgeben zu können.

Was für den Konzern akzeptabel ist, steht in den Büchern. Thyssen-Krupp bewertet VDM und AST demnach mit 950 Millionen Euro. Abschreibungen auf den Wert wären eine neue Schreckensmeldung in der ohnehin dramatischen Geschichte um das Edelstahlgeschäft des Konzerns. Die möchte man vermeiden.

Vom Stahlriesen zum Industriekonzern

Schon vor knapp zwei Jahren hatte so ausgesehen, als würde Thyssen-Krupp das Kapitel Edelstahl erfolgreich abschließen. Als der Konzern die Sparte an das finnische Unternehmen Outokumpu abgab, ließ Hiesinger sich für das Geschäft loben. Er sprach von einem „wichtigen Meilenstein bei der Umsetzung unserer strategischen Weiterentwicklung” – also dem Umbau vom Stahlriesen zu einem modernen Industriekonzern.

Doch ein Jahr später folgte die unangenehme Überraschung für die Anleger. Thyssen-Krupp kündigte an, AST und VDM von Outokumpu zurückzunehmen. Im Gegenzug verzichtete der Konzern auf die Rückzahlung eines Kredits in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, den er den Finnen gewährt hatte. Damit rettete Thyssen-Krupp offenkundig den angeschlagenen Stahlkonzern aus dem hohen Norden.

Eine Alternative gab es damals offenbar nicht. Eine Insolvenz von Outokumpu wäre für Thyssen-Krupp nicht nur wegen des Kreditausfalls zum großen Problem geworden: Outokumpu hatte den Kauf der Edelstahlsparte überdies mit eigenen Aktien bezahlt. Der deutsche Konzern hielt 29,9 Prozent an dem finnischen Unternehmen. Die folgende Notoperation versuchte Hiesinger den Aktionären schmackhaft zu machen, indem er behauptete, Thyssen-Krupp erhalte mit VDM ein „Juwel” zurück.

Keine hohen Preise bei Edelstahl möglich

Die schwachen Zahlen des Unternehmens sprechen gegen die Einschätzung – auch wenn sie teils eine Folge der Marktsituation sind: Aufgrund von Überkapazitäten lassen sich für Edelstahl derzeit keine hohen Preise erzielen.

Für Thyssen-Krupp kommt wohl auch deshalb kein schneller Ausstieg in Frage, weil der Konzern insgesamt nicht unter Druck steht: „Thyssen ist nicht gezwungen, an den Erstbesten zu verkaufen”, sagt Analyst Voss. Im operativen Geschäft hat sich der Konzern jüngst deutlich verbessert. Für das in wenigen Tagen endende Geschäftsjahr erhöhte er die Prognose, nachdem die Ergebnisse im Zeitraum von April bis Juni in fast allen Sparten besser als im Vorjahr ausgefallen waren.

Experte Voss schätzt, dass allein der Verkauf von VDM dem Konzern 500 Millionen Euro einbringen könnte. Doch davor steht die Sanierung. Für deren Kosten hat Voss keine genaue Schätzung. Der Analyst hält es aber für möglich, dass Thyssen-Krupp noch einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag in das Unternehmen stecken muss.

Und dann bleibt immer noch der Problemfall AST in Italien.

—Mitarbeit: Hendrik Varnholt

 

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